Schweizer Verein Braunschweig


Seit 1910
 

Vortrag zur 100 Jahr-Feier des Schweizer Vereins Braunschweig im Rahmen des Auslandschweizertreffens im Jahre 2010 

Der Schweizer Verein feiert heute sein 100-jähriges Bestehen. Seine Höhen und Tiefen folgen dem Lauf der Geschichte.

Der Schweizer Verein Braunschweig wurde 1910 gegründet. Sein erster Präsident hieß Hürlimann. 1914 gingen in Europa die Lichter aus und wir hören erst wieder vom Schweizer Verein Braunschweig, daß ab 1919 Peter Hegener das Amt des Präsidenten innehatte. Nach dessen Tod im Jahre 1931 lenkte Alfons Coulin 48 Jahre lang, bis 1979, die Geschicke des Vereins.

Alfons Coulins Lebensweg verkörpert beispielhaft den vieler Auslandschweizer, die aus der Schweiz in die ganze Welt gingen, weil sie ihren Lebensunterhalt in ihrem eigenen Land nicht verdienen konnten. Coulins Großvater stammte aus dem Val de Travers im Kanton Neuchâtel und ernährte seine Familie als Französischlehrer an einem Gymnasium in Libau in Lettland. Der erste Weltkrieg verschlug die Familie zurück in die Schweiz, die Alfons Coulin schon 1919 wieder verließ. Denn die Not herrschte auch dort. Bereits 1924 finden wir ihn als Chefbuchhalter der Braunschweiger Molkerei.

Viele hatten weniger Glück. Denn die Schweizer kamen als Gastarbeiter ins Land. Niemand hatte auf sie gewartet. Sie nahmen alle Arbeiten an, und wenn es, wie bei einem Vereinsmitglied, die als Mädchen für alles im „Deutschen Haus“ in Braunschweig war. So ist es auch erklärlich, daß aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen aus dem Braunschweiger Verein nicht viel mehr überliefert ist als sporadisches gemeinsames Kaffeetrinken. 90%der Mitglieder des Schweizer Vereins waren Melkerfamilien, 10 % Molkeristen, also mit Lehre. Die Menschen hatten wenig Geld und weniger freie Zeit als heutzutage. Denn sonnabends, eigentlich jeden Tag, wurde gearbeitet. Kühe müssen bekanntlich jeden Tag gemolken werden. Und wir dürfen nicht vergessen: Deutschland ächzte unter der Last des Versailler Vertrages, die Hyperinflation von 1923 hatte alle Ersparnisse vernichtet, die Wirtschaftskrise von 1929 und den folgenden Jahren machte alles noch schlimmer.

Für die Zeit von 1933 bis 1945 existieren keine Unterlagen. Eine Zeitzeugin berichtet jedoch, daß man sich im familiären Kreise getroffen habe, und daß auf die Schweizer Druck ausgeübt wurde, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen und die Männer gedrängt wurden, Soldat zu werden. 

Seit 1942 versorgte die Schweiz über das Konsulat in Hannover die Braunschweiger Landsleute einmal im Monat mit Paketen, „Zuteilung“ genannt, in denen sich neben anderen raren Nahrungsmitteln Schokolade, Kaffee und Milchpulver befanden. Die Pakete konnten in Braunschweig in der Fallersleber Straße abgeholt werden. Diese Hilfe endete erst 1948, als sich die Zeiten nach der Währungsreform gebessert hatten.

Als neutrales Land versorgte die Schweiz ihre Landsleute vor dem Ende des zweiten Weltkrieges mit Schutzbriefen . In der Region Braunschweig waren es Schutzbriefe in englischer Sprache, die vor dem Eintreffen der Besatzungstruppen gut sichtbar an den Außentüren angebracht wurden und die Bewohner als Schweizer Staatsbürger auswiesen. Dann zogen die Besatzungssoldaten weiter, die, wie auch andernorts, für ihre Armee Häuser requirierten und deren deutsche Bewohner an die frische Luft setzten. Gleiches wird aus Magdeburg berichtet. Dort hat ein Vereinsmitglied auf dem Dachboden unter den Hinterlassenschaften seiner Eltern diesen Schutzbrief der Schweizerischen Eidgenossenschaft gefunden, der die Nummer 2589 trägt, darauf das Schweizerkreuz und mit dem Datum Berlin, den 09.09.1944, und außer in Deutsch auch in russischer und polnischer Sprache gehalten ist.

Auch in den Nachkriegsjahren beschränkten sich die Vereinsaktivitäten im wesentlichen auf familiäre Treffen zum Austausch über die Heimat, auf Generalversammlungen und Weihnachtsfeiern. Vergessen wir nicht: es gab kein Fernsehen, nicht jeder hatte Telefon oder konnte sich eine Zeitung leisten. Ältere Mitglieder erinnern sich noch an die vom Konsulat Hannover ausgerichteten 1.August-Feiern auf der Marienburg und an den unvergessenen Konsul Kaufmann. Die Reise dorthin sei eine wahre Expedition gewesen. Denn die Menschen waren auf umständliche Bahnverbindungen angewiesen. <<Massen von Menschen liefen da auf>>, berichtet eine Zeitzeugin. <<Kein Mensch konnte verreisen wie heute>>, betont sie. Eine Erklärung dafür geben auch wieder die Zeitumstände. Unternehmungen, wie wir sie später mit unserem jetzigen Ehrenpräsidenten Hans Rudolf Billeter machten und seit 2005 mit unserer sehr aktiven Präsidentin Alice Schneider, wären schnell an ihre materiellen Grenzen gestoßen.

Dazu schreiben die Luzerner Neusten Nachrichten am 16. Januar 1954:

"Die Schweizerkolonien in Deutschland erfreuen sich zur Zeit keiner besonderen Blüte. Infolge des niedrigen Lebensstandards haben Sterblichkeit, Nachwuchsmangel und das Fehlen von Zuzug aus der Heimat große Lücken in die Reihen unserer Landsleute gerissen. Zwei Weltkriege und die Währungsreformen waren harte Belastungsproben für sie. Einige mutige Pioniere hielten dennoch wacker durch, kehrten nicht zurück und erleben jetzt den gesunden Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft, den fast alle Berufe wohltuend verspüren.

Jene Landsleute, die sich während des Krieges abseits der großen Städte aufhielten, kamen am besten davon. Die zahlreichen Melker unter ihnen, meist Berner, kannten weder Nahrungs- noch Obdachsorgen, da die meisten Dörfer nicht bombardiert wurden und der Bauernhof stets das erforderliche Essen auf den Tisch brachte."

Durchaus war und ist die Schweiz und der sie hier in Braunschweig vertretende Schweizerverein ein Stück emotionaler Heimat. Vor allem aber war die Schweiz bis zur Wende ein sicherer Hort angesichts der sehr nahen Grenze zum kommunistischen Machtbereich und der als real empfundenen Bedrohung durch einen möglichen existenzvernichtenden kriegerischen Konflikt. Besonders für jene, die seit den fünfziger und sechziger Jahren nach Deutschland kamen und häufig, ohne es ursprünglich zu beabsichtigen, hier ihren dauerhaften Lebensmittelpunkt fanden. Die oft bangen Fragen von Eltern und Verwandten, wenn man zu Besuch in der <<Schwyz>> weilte, waren, wie man heute weiß, durchaus berechtigt.

Im Verein fand ein langsamer Generationenwechsel statt. Zu den Kindern und Kindeskindern der Auswanderer des 19. und 20. Jahrhunderts, die kaum noch Schweizerdeutsch oder Französisch sprachen, gesellten sich Schweizerinnen und Schweizer, die nicht mehr existentieller Not entflohen, sondern in der Schweiz einen dort arbeitenden deutschen Partner oder Partnerin gefunden hatten und gemeinsam nach Deutschland gezogen waren oder weil sich ihnen im „großen Kanton“, so nennen die Schweizer bisweilen euphemistisch die Bundesrepublik, auf Grund ihrer Fähigkeiten interessante berufliche Möglichkeiten boten, Gründe also, aus denen sich auch Deutsche in der Schweiz niederließen und niederlassen. Ein Austausch zwischen zwei Ländern, die sich in vielem wenig, in wenigem jedoch viel unterscheiden.

Zu diesen „neuen“ Schweizern im Schweizerverein Braunschweig, die untereinander Schweizerdeutsch sprechen und auch im Hochdeutschen selten ihre Herkunft verleugnen können und wollen, gehört unser Ehrenpräsident Hans Rudolf Billeter. Wie Alfons Coulins Lebensweg beispielhaft den Lebensweg vieler Schweizer bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts verkörpert, so tut dies der Lebensweg unseres Ehrenpräsidenten Hans Rudolf Billeter für jene Auslandschweizer, die seit den fünfziger Jahren nach Deutschland kamen, oft nur für kurze Zeit bleiben wollten und dann doch für immer blieben.

Auch wenn auf Wanderungen mit dem Schweizerverein dunkle Wolken am Himmel standen und sich Regen auf uns ergoß, hob Ruedis Ruf "Es hellet!" sofort unsere Stimmung. "Es hellet!" ist im Schweizer Verein eine stehende Redewendung geworden und könnte auch als Motto über den langen Jahren seiner Präsidentschaft stehen. Er war in seinem Berufsleben Professor für Graphic Design an der HBK und hat den Schweizer Verein seit der Übernahme des Präsidentenamtes im Jahre 1979 von Grund auf neu "designed".

Bis der Schweizerverein Braunschweig so dynamisch auftrat und auch von der Presse beachtet wurde, brauchte es einen langen Weg unter der Präsidentschaft von Hans Rudolf Billeter und die Unterstützung seiner Frau Lisbeth, ohne die vieles nicht möglich gewesen wäre. Viele organisatorische Probleme löste sie lautlos, dafür aber effektiv und war die Stelle, an der so manche Mitglieder ihre Familien- und Seelenprobleme abladen konnten. Ein lebendiger Verein braucht auch jemanden, bei dem Mitglieder ihre Sorgen loswerden und sich aussprechen können. Unser Ruedi wurde 1958 Mitglied des Vereins und 1967 Vizepräsident. Er erinnert sich: 1971 hatte der Verein 70 Mark in der Kasse und 54 Mitglieder. Die Kasse, das war eine Zigarrenschachtel. Der Postbote stöhnte, weil er die Mitgliedsbeiträge per Postanweisung zu Ruedi nach Hause bringen mußte. Nichts mit Internet-Banking und E-mail. Es war eine ganz andere Zeit.

Im Protokoll der Vorstandssitzung des Schweizervereins Braunschweig vom 27.4.1971 lesen wir „... Es wurde Einigkeit darüber erzielt, der Generalversammlung eine Erhöhung des Mitgliedsbeitrages von DM 4,- auf DM 5,- für Frauen und von DM 8,- auf DM 10,- für Männer vorzuschlagen.“

Ruedi hat auch die erste Schweizer Fahne beschafft. Die darf übrigens als ausländische Fahne nicht größer sein als die offizielle Fahne der Bundesrepublik. So will es das Gesetz.

In jedem Verein ist die Gleichheit der Interessen und die sich daraus ergebende Gemeinsamkeit und Geselligkeit, also das gemeinsame Tun, das gemeinsamen Feiern, die gemeinsamen interessanten Unternehmungen, der Kitt, der dem Verein Motivation und Charakter verleiht. Von den 1.August-Feiern haben wir ja schon gehört: Sie finden durchaus auch in ganz großem Rahmen mit anderen Vereinen statt wie die letztjährige 1.August-Feier gemeinsam mit dem Hamburger Schweizerverein und den Vereinen aus Bremen, Osnabrück und Schleswig-Holstein, in deren Rahmen unter Beisein des Fürsten Bismarck eine Gedenktafel für den durch Bomben getöteten Konsul Zehnder enthüllt wurde.

Und dann die traditionellen Weihnachtsfeiern, an denen immer viele Mitglieder teilnehmen, zu denen es Heiri Roth's unvergleichlich gute Cervelas gibt, und zu denen auch ehemalige Mitglieder kommen, die sich wieder in der Schweiz niedergelassen haben.

Der Schweizer Verein ist nicht zuletzt auch ein Service-Verein für seine Mitglieder. Ob es um die Fragen des Erbrechts, der Doppelbürgerschaft, des Familienrechts oder des Wahlrechts für Auslandschweizer in der Schweiz geht: Der Verein bietet gut besuchte Informationsveranstaltungen mit kompetenten Ansprechpartnern. Unser Ehrenpräsident hat im Auslandschweizerrat erst als Mitglied, dann im Vorstand daran mitgewirkt, daß die fünfte Schweiz, also die Gesamtheit der Auslandschweizer, nicht nur emotionale Wurzeln in ihrem Heimatland hat, sondern seit 1992 als Wahlberechtigte per Briefwahl auch Verantwortung für dieses übernimmt. Und daß jeder Auslandschweizer einen Personalausweis, die Identitätskarte, erhielt um sich ausweisen zu können, wenn er über den Pass wegen Verlängerung oder Erneuerung nicht verfügt.

Präsident oder Präsidentin eines so aktiven Vereins zu sein und diese Aktivitäten immer neu zu gestalten, bedeutet einen Berg von Arbeit, auch die Mitarbeit bei Auslandschweizertagungen.

Der Schweizerverein Braunschweig dankt seinem Ehrenpräsidenten Hans Rudolf Billeter; er dankt seiner Nachfolgerin und jetzigen Präsidentin Alice Schneider, die mit viel Engagement, Geschick, Charme und Kreativität immer wieder interessante Aktivitäten organisiert und als Präsidentin wie auch Ruedi es war, eine Idealbesetzung ist.

Roland Schwartz